Das Erdbeben in Haiti und seine Folgen, eine Einschätzung von Michael Kieß

Der Steinheimer Schreinermeister Michael Kieß war in den Jahren 2002/2003 in Haiti. Im Rahmen seines Anderen Dienstes im Ausland (Zivi) für Christliche Fachkräfte International war er in der Schreinerausbildung an einer Berufsschule als Lehrer tätig. Praxisprojekte, wie Reparaturen oder Schulhausneubau waren auch Teil seiner Aufgaben. Ich habe ihn zu seiner Einschätzung befragt:

Michael, hast du noch persönliche Kontakte nach Haiti?

Leider ist es sehr schwer, Kontakt mit den Haitianern zu pflegen, da sie weder über Telefon, noch Internet oder eine zuverlässige Post verfügen. Mein Einsatzort war ein kleines Dorf ohne Stromversorgung. Ich bekomme noch Informationen von Missionaren, die vor Ort leben.

Ist dir bekannt, ob dieser Ort auch vom Erdbeben betroffen ist?

Der kleine Ort Port-a-Piment liegt in einer ländlichen Gegend und besteht fast nur aus Wellblechhütten. Er war vom Beben kaum betroffen. In Les Cayes, der nächst größeren Stadt, in der ich oft zum Einkaufen war, sind wohl 2-3 Häuser eingestürzt.

Wie muß man sich das alltägliche Leben in dieser Region vorstellen?

Das Leben in Port-a-Piment ist sehr einfach. Es werden Mais und Bohnen angebaut, die Ziegen sind zu hüten. Die Bodenerosion, die Ernteausfälle machen das Leben mühsam. Gekocht wird auf dem Feuer.  Holzkohle oder Feuerholz muß beschafft werden, all das benötigt viel Zeit.
Obwohl es inzwischen viele Schulen im Land gibt, ist die Analphabetenquote noch sehr hoch. Aus finanziellen Gründen gehen viele Kinder nicht zur Schule. Damit es für einen Schulbesuch und etwas Essen reicht, arbeiten Kinder aus armen Familien häufig bei etwas besser gestellten Familien im Haushalt und auf dem Feld.
Abends standen bei uns immer wieder Kinder vor der Türe, die den ganzen Tag noch nichts gegessen hatten.

Die Ausstattung der Krankenhäusern ist einfach, auch gibt es zu wenig Ärzte, dennoch hat sich die medizinische Versorgung verbessert. Kosten und beschwerliche Fußwege ins entfernte Krankenhaus halten viele Haitianer von einem Besuch ab. Die „Krankenversicherung“ besteht in einer Ziege, die dann verkauft wird.

Die Medien berichten, Haiti verfüge über keine funktionierende staatliche Infragstruktur. Wie waren deine Erfahrungen?

In Haiti sind Beziehungen sehr wichtig! Man will niemanden beleidigen oder sonst benachteiligen, man weiß nie, ob man mal dessen Unterstützung angewiesen ist.  Auch staatliche Stellen verhalten sich so, deshalb kommen Gelder oft nicht dort an, wo sie hingehören. Korruption ist Alltag. Banken und offizielle Einrichtungen werden von bewaffneten Security-Leuten bewacht. Die Polizei ist machtlos und parteiisch.

Was hat dich persönlich an diesem Land fasziniert?

Mich hat beeindruckt, dass die Menschen mit dem, was sie haben, zufrieden sind. Sie sind glücklich, auch wenn sie hungrig zu Bett gehen. Sie teilen gerne, auch wenn sich die Familie dann einschränken muß.

Was hilft jetzt Haiti?

Das Erdbeben ist einer schwerer Schicksalsschlag für die Menschen, dennoch birgt es auch eine große Chance für das Land. Wir denken bei Haiti an Sonne, Strand, Meer und Urlaub. Dabei war Haiti schon vor dem Beben eines der ärmsten Länder, dazu noch mit einer korrupten Regierung. Jetzt werden Millionen gespendet für den Wiederaufbau des Landes. Straßen, Schulen, Trinkwasserversorgung und Krankenhäuser können jetzt besser aufgebaut werden, als sie zuvor waren. Haiti braucht Hilfe, aber auch Helfer, die die Organisation übernehmen, damit die Hilfe nicht versandet.
Die Hilfe muß langfristig angelegt sein, z.B. ein Aufforstungsprogramm für Bäume. Hochwasserfluten spülen Erde und die Ernte weg, ja ganze Dörfer, die Menschen leiden Hunger und finden kein Feuerholz.  Dieser ewige Kreislauf muß durchbrochen werden, sonst ist Haiti immer auf fremde Hilfe angewiesen.
Wir können helfen z.B. durch Spenden an „Hilfe für Brüder“ (Partner von Chr.Fachkräfte Intern.), für ein Haitiprojekt, das Erdbebenopfern hilft:
„Hilfe für Brüder International“
Konto: 415600
BLZ: 52060410
Bank: Evang. Kreditgenossenschaft
Zweck: Haiti Erdbeben
haiti 

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